Was macht ein Ergotherapeut oder Physiotherapeut?
Beide Berufe setzen dort an, wo Funktion verloren gegangen ist. Physiotherapie arbeitet vorrangig am Bewegungssystem: Befund erheben, Gelenkbeweglichkeit und Kraft prüfen, Gangbild beurteilen, dann behandeln mit manueller Therapie, Krankengymnastik, Atemtherapie, Lymphdrainage oder gerätegestütztem Training. Ergotherapie fragt nach der Handlung: Kann jemand sich anziehen, essen, kochen, den Stift halten, zur Arbeit zurückkehren. Behandelt wird über Alltagstätigkeiten, Hilfsmittelanpassung, Schienenbau, Wohnraumberatung, kognitives Training bei Demenz oder nach Schlaganfall.
Der Einsatzort prägt den Beruf stärker als die Berufsbezeichnung. In der Akutklinik geht es um Frühmobilisation, Atemtherapie nach Operationen, erste Transfers auf der Intensivstation, oft zwanzig Minuten pro Patient und viele Patienten am Tag. In der neurologischen oder orthopädischen Rehabilitation sind die Einheiten länger, die Verläufe über Wochen sichtbar, die Arbeit im Team mit Logopädie, Neuropsychologie und Pflege eng verzahnt. In der Praxis bestimmen Rezept und Taktung den Tag: Termin nach Termin, dazwischen Dokumentation, Therapieberichte an die verordnenden Ärzte, Abrechnung mit den Kassen. In Pflegeheimen und in der Hausbesuchstätigkeit kommt viel Fahrzeit dazu, dafür arbeitet man selbstständiger.
Wie wird man Ergotherapeut oder Physiotherapeut?
Beide Wege führen über eine dreijährige Ausbildung an einer Berufsfachschule mit staatlicher Prüfung; die Berufsbezeichnung ist geschützt. Mittlerer Schulabschluss genügt formal, viele Schulen nehmen überwiegend Bewerber mit Abitur. Ein Teil der Schulen ist in privater Hand und erhebt Schulgeld, das mehrere hundert Euro im Monat betragen kann - das ist beim Vergleich der Ausbildungsorte der wichtigste Punkt. Parallel gibt es primärqualifizierende Bachelorstudiengänge in Physiotherapie und Ergotherapie sowie ausbildungsbegleitende Modelle.
Nach dem Examen folgen fast immer Zertifikatsweiterbildungen, in der Physiotherapie manuelle Therapie, Lymphdrainage, Bobath, KG-ZNS oder KG am Gerät. Sie sind keine Kür: Ohne sie lassen sich bestimmte Leistungen nicht abrechnen, und die Bezahlung hängt daran. Ein echter Quereinstieg ohne Ausbildung existiert nicht.
Was der Beruf verlangt
Körperlich ist besonders die Physiotherapie fordernd: Transfers, Lagerungen, manuelle Techniken über Stunden, häufig in ungünstiger Haltung. Rücken- und Handgelenksbeschwerden sind verbreitet. Der Vorteil gegenüber der Pflege liegt in den Arbeitszeiten - überwiegend Tagdienst, in Kliniken und Rehaeinrichtungen mit Wochenenddiensten im Wechsel oder Rufdienst für die Frühmobilisation, in Praxen mit Spätterminen bis in den Abend. Nachtdienste gibt es nicht, entsprechend fehlen die steuerfreien Zuschläge, die in der Pflege einen Teil des Einkommens tragen.
Schwer fällt vielen die Taktung in der Praxis und der Widerspruch zwischen fachlichem Anspruch und Verordnungsrahmen. Ebenso das Aushalten von Verläufen, die nicht besser werden: in der Geriatrie, in der Palliativsituation, bei progredienten neurologischen Erkrankungen.
Aussichten
Die Nachfrage ist hoch und wächst mit der Alterung der Bevölkerung; offene Stellen bleiben in Kliniken und Praxen lange unbesetzt. Die Bezahlung hat sich in den letzten Jahren verbessert, liegt aber im tariflosen Praxisbereich weiter unter dem Klinikniveau. Entwicklungswege führen über Zertifikatsweiterbildungen, Spezialisierung auf Neurologie, Pädiatrie, Handtherapie oder Sportphysiotherapie, in die Leitung einer Therapieabteilung, in die Lehre an Berufsfachschulen oder in die eigene Praxis.